Ich habe nicht im entferntesten damit gerechnet, mich eines Tages einmal auf der iberischen Halbinsel in Portugal wiederzufinden – zumindest nicht in naher Zukunft. Doch plötzlich war es soweit! Fast 24 Stunden Aufenthalt bei einem Zwischenstopp am Lissaboner Flughafen nehme ich dankend an! Und los ging der sehr erfahrungsreiche Trip durch die portugiesiche Hauptstadt. Das Wetter stimmte auf jeden Fall schon einmal: Mitten im Februar Sonne und »T-Shirt-reife« Temperaturen. Palmengesäumte Straßen umgaben den Flughafen und es roch nach Sommer! Der Weg führte direkt zur Bucht, an der Lissabon lag und dies lohnte sich in jedem Fall: Dem kühlen Deutschland entflohen fand ich mich Stunden später an der von Palmen umgebenen Promenade wieder. Eine Seilbahn sowie ein kleiner Pier machten das »Sommer-Feeling« perfekt. Doch dann führte der Weg weiter zu einem komplett anderen Portugal. Dem Portugal, wie es sich jeder vorstellt…
Nur wenige hundert Meter von dem idyllischen Flughafen, dem vergläserten Einkaufszentrum & der Promenade entfernt begann ein komplett anderer Teil von Lissabon: Die Wohnsiedlungen der armen/ärmeren Bevölkerung. Kein anderer Tourist sowie sehr wenige andere Menschen durchquerten diese zu Fuß. Doch von der Neugier und dem Erkundungsdrang angetrieben ging es immer weiter hinein in die riesigen Slums von Lissabon. Wenn auch die Wohngebiete ab und an qualitativ hochwertiger wurden, so gab es es sehr viele große Gebäudekomplexe in denen ganz offensichtlich die ganz armen Leute wohnen, die sich so eben eine Wohnung leisten konnten. Auf den Straßen spielten die Kinder Fußball und liefen umher. Ich kam ihnen sicherlich sehr befremdlich vor. Und so fühlte ich mich hier auch…
Die Schulen in diesen Siedlungen waren umzäunt und mit Eisentoren verriegelt – sicherlich konnte man hier vielen Menschen nicht trauen, so wurde ich auch von einer Lehrerin kritisch betrachtet als ich mich der Schule näherte. Erst als sie erkannte, dass ich ein harmloser Tourist war, der nicht einmal ihre Sprache sprach, schien sie erleichtert. Dann ging es weiter Richtung Süden, denn nach stundenlangem Aufenthalt in den Slums und verlassenen Wohnsiedlungen war der Hunger sehr groß und es wurde endgültig Zeit sich in den zivilisierteren Gebieten der Stadt auszuruhen und diese dann zu erkunden. Doch dies sollte noch eine lange Zeit dauern. Außerdem ging langsam die Sonne unter und es gäbe in dieser Situation nichts schlimmeres, als sich mitten in der Nacht in den Ghettos zu befinden. Ohne Orientierung, Navigation, Proviant oder Sonstigem. Also ging es mit erhöhtem Schritttempo in die Richtung, in der mehr Zivilisation vermutet wurde. Doch das Relief der Stadt machte einen Strich durch die Rechnung: Lissabon ist sehr hügelig und deshalb war es zwar an manchen höher gelegenen Stellen möglich die Innenstadt zu sehen, doch man war nicht nur mehrere Kilometer Luftlinie davon entfernt, sondern ein oder mehrere Täler oder tiefe, unüberquerbare Gräben lagen dazwischen. Also musste immer wieder ein Weg da herum gefunden werden, was die ganze »Reise« immer weiter in die Länge zog. Und fast war es ganz dunkel. Von der sehr schlechten Beleuchtung in den Gassen ganz zu schweigen. Außerdem konnte nirgendwo nach dem Weg gefragt werden. Im Nachhinein betrachtet eine nicht ganz ungefährliche Situation. Doch dann Hoffnung: Eine Hauptstraße. Der muss nachgegangen werden! Sogar Busse fuhren hier, doch das Netz war auf den ersten Blick sehr unübersichtlich und alle Auskünfte waren auf portugiesisch. Auch alle Menschen dort sprachen eine Sprache, deren ich nicht im geringsten mächtig war. Englisch sprach hier auch keiner. Sogar auf dem Flug und am Flughafen ist aufgefallen, dass fast keine Englischkenntnissen vorhanden waren. Und falls doch, waren diese sehr überschaubar… Also wurde auf eine Busfahrt verzichtet und es ging weiter die Straße Richtung Atlantik entlang. Und schon wieder ein Hoffnungsschimmer: Ein Bahnhofsgebäude ganz am südlichen Rand der Stadt. Lissabon hat doch eine U-Bahn! Ob diese hier hält? Und ja, sie tat es! Was für ein Glück! Draußen war es mittlerweile tiefste Nacht und dies war die südlichste U-Bahn Station der Stadt. Was für ein Zufall! Und geöffnet hatte sie auch noch. Also ging es mit der Metro, in der man sich schon wieder sehr viel besser fühlte, Richtung Norden. Und an einer großen Station kam der Entschluss auszusteigen. Hier muss doch die richtige (moderne) Innenstadt Lissabons sein! Und so war es auch: Musik, schöne Gassen und tolle Fassaden glänzten in der spärlichen Beleuchtung. In allerhöchster Eile wurde ein Platz zum Essen & Ausruhen gefunden und dabei blieb es auch erstmal eine ganze Weile. Das war nötig! Einige Zeit später ging es mit der Metro zurück zum Flughafen, in dem die Nacht verbracht werden sollte. Diese wurde eine der schlaflosesten Nächte aller Zeiten! Und schon als die ersten Sonnenstrahlen um kurz vor halb 6 in der Früh die riesigen Glasscheiben der Eingangshalle durchdrangen ging es mit der Metro wieder in Richtung Innenstadt. Diese wollte ich vor dem Anschlussflug nach New York auch noch einmal am Tag sehen. Und das lohnte sich auf jeden Fall: Wunderschöne Parks, die mit einer riesigen Vielzahl von Pflanzen gesäumt waren, sowie tolle portugiesische Bauwerke aus früheren Zeiten waren echte Hingucker. Dazu noch eine riesige Brücke, deren Dimensionen ich jetzt immer noch nicht nachvollziehen kann. Sowie eine riesige Jesusstatue – im Stile der von Rio – und eine unglaublich große Säule auf einem Hauptkreisverkehr im Finanzdistrikt zeigten eine ganz andere Seite von Lissabon auf, die wahrscheinlich jeder Tourist zu Gesicht bekommt. Doch direkt hinter ein paar Blocks verbergen sich die wahren Bilder der Hauptstadt eines verarmten Landes. Ich bin sehr froh, diese Erfahrung gemacht zu haben und bereue es nicht, die U-Bahn erst sehr spät entdeckt zu haben. Denn so habe ich das wahre Portugal gesehen – das war eine sehr interessante Erfahrung, mit der ich vor diesem Flug überhaupt nicht gerechnet hatte. Und diese Überraschung – ob sie jetzt negativ oder positiv zu beurteilen ist – bereue ich nicht gehabt zu haben. Ganz im Gegenteil: Gerne wieder eine Erfahrung dieser Art!